Autor: Techub Hot News Express
Verfasserin: Tia, Techub News
Die jährliche Solana-Entwicklerkonferenz Breakpoint gilt gemeinhin als Startrampe für neue Projekte – und in diesem Jahr hat das Liquid-Staking-Protokoll Toby die Bühne betreten. Das Team kündigte seinen Governance-Token TOBY an, dessen zentrale Wertversprechung simpel ist: Die zusätzlichen Erträge, die Validatoren durch MEV (Maximal Extractable Value) erzielen, fließen direkt in die Rendite der tobySOL-Staking-Positionen ein. Staker erhalten damit nicht mehr nur die feste Inflationsbelohnung der Blockchain, sondern partizipieren zusätzlich an den durch Block-Sortierung generierten Arbitrage-, Liquidations- und Trinkgeld-Einnahmen.
Diese Erzählung stößt auf großes Interesse, weil Jito in den letzten zwei Jahren praktisch die gesamte MEV-Wertschöpfungskette auf Solana monopolisiert hat. Sein Client hält einen Marktanteil von über 94 %. Im Jahr 2024 erzielte Jito allein durch Bundle-Auktionen Einnahmen von rund 350 Millionen US-Dollar, wobei über 90 % davon aus Trinkgeldern und Netto-Arbitragegewinnen der Searcher stammen. Da die Auktionserlöse ausschließlich zwischen Validatoren und Searchern aufgeteilt werden, erhalten normale Staker nach wie vor nur eine feste Inflationsrate von etwa 7 % – unabhängig vom Umfang des generierten MEV. Bisherige Alternativen beschränken sich weitgehend auf Client-Optimierungen: Paladin integriert in den Jito-Code einen Fair-Sorting-Patch, um Sandwich-Attacken zu verhindern; Jump Cryptos Firedancer wurde in C++ neu geschrieben, um die TPS-Leistung zu verdreifachen, bleibt dabei aber mit dem Jito-Protokoll kompatibel. Beide Lösungen bieten zwar signifikante Leistungssteigerungen, ändern jedoch nichts an der bestehenden Zweiteilung der Erlöse zwischen Validatoren und Searchern. Im Bereich privater Mempools nutzen monolithische Validatoren wie DeezNode Dark-Pool-Orderströme für Sandwich-Angriffe und können so monatlich Millionen abschöpfen – was die Transparenz öffentlicher Auktionen weiter untergräbt.
OpenMEV: Drei Schritte, um Arbitragegewinne in tobySOL zu verwandeln
Toby will keinen weiteren Client schreiben, sondern den gesamten Prozess von „Orderstrom über Auktion bis Abrechnung“ als Produkt bündeln und die upstream generierten Gewinne direkt in die downstream-Liquid Staking Tokens (LSTs) leiten. Das Herzstück des Protokolls heißt OpenMEV – eine Middleware, die in Validatorknoten integriert wird und einen parallelen Bundle-Markt zu Jito bereitstellt. Der Ablauf lässt sich in drei Schritte unterteilen: Sammeln, Auktionieren, Ausschütten.
Zunächst schließt OpenMEV exklusive Routing-Vereinbarungen mit Desktop-Wallet-Plugins, Telegram-Handelsrobotern, NFT-Market-Making-APIs sowie dem privaten RPC von Jupiter. Alle Transaktionsströme durchlaufen zunächst die Middleware und werden anschließend von sechs kooperierenden Validatoren (mit insgesamt 22 Millionen gestakten SOL) lokal zu sogenannten „Superblöcken“ gebündelt, bevor sie gemeinsam auf die Chain geschrieben werden. Um Doppelauktionen mit Jito zu vermeiden, markiert das System bereits importierte Transaktions-Hashes und speichert diese für 200 Millisekunden lokal – so kann dieselbe Order nicht gleichzeitig auf beiden Märkten landen.
Der zweite Schritt ist die interne Auktion: Die Validatoren bewerten eingehende Transaktionen nach ihrem extrahierbaren Wert (MEV), während Searcher über die Toby-API ergänzende Bundles einreichen. Gemeinsam bilden sie den finalen Block. Die Auktionserlöse – bestehend aus Trinkgeldern der Searcher, Netto-Arbitragegewinnen und Teilen der Liquidationsprämien – werden stündlich in USDC umgerechnet. 95 % fließen direkt in den Net Asset Value (NAV) von tobySOL, 5 % gehen an die Protokollkasse. Da die Abrechnungshäufigkeit höher ist als bei Jitos täglichem Rhythmus, kann die Rendite für Nutzer im Frontend sekundengenau angezeigt werden – was die Kombination mit anderen DeFi-Renditestrategien erleichtert.
Der dritte Schritt umfasst Anreize und Sanktionen: Um größere Orderströme zu erhalten, müssen Validatoren TOBY-Token im Vertrag sperren; die Sperrmenge bestimmt ihr Gewicht im System. Wird ein Validator bei einer Sandwich-Attacke oder anderem böswilligen Sortierverhalten erwischt, wird sein Ausschüttungsanteil um 20 % gekürzt. Zudem wird der Inhalt des betreffenden Bundles für 24 Stunden öffentlich auf IPFS veröffentlicht, damit die Community ihn prüfen kann. Validatoren, die zweimal hintereinander abgestuft werden, verlieren ihren Whitelist-Status bei OpenMEV, und ihre Orderströme werden automatisch an andere Knoten weitergeleitet.
11,5 % p.a., 1 Milliarde Token, vierteljährlicher Buyback
Daten aus einem dreimonatigen Testnetz zeigen: Bei einer Basis von 22 Millionen SOL erwirtschaftet die MEV-Komponente eine jährliche Rendite von 4,3 %. Addiert man die Basis-Staking-Rendite von 7,2 %, ergibt sich für tobySOL eine bilanzierte Gesamtrendite von etwa 11,5 %. Nach dem Mainnet-Start peilt das Protokoll an, innerhalb von zwölf Monaten das Staking-Volumen auf 10 Millionen SOL zu steigern. Das entspräche einem vierteljährlichen Rückkaufvolumen von rund 1 Million US-Dollar, das zur Stützung des Sekundärmarktes eingesetzt wird.
Bei der Tokenökonomie beträgt das Gesamtvolumen von TOBY 1 Milliarde Token: 15 % werden als Genesis-Airdrop an Solana-Staking-Adressen und JTO-Inhaber verteilt; 25 % dienen als Belohnung für Validatoren; 30 % fließen in die Community-Kasse; 20 % sind für das Team reserviert; 10 % gehen an Early-Stage-Investoren. Die Governance-Rechte umfassen unter anderem die Anpassung des MEV-Ausschüttungsverhältnisses, die Aufnahme neuer Validatoren in die Whitelist sowie die Freigabe von Kassenausgaben. Die Höhe der von Validatoren gesperrten TOBY-Token bestimmt deren Priorität beim Zugang zu Orderströmen – was effektiv ein „Orderstrom-Mining“ im Smart Contract kodifiziert. 20 % der Kasseneinnahmen werden vierteljährlich zurückgekauft und vernichtet, was zu einer einseitigen Verknappung der Liquidität führt.
Im Vergleich zu JitoSOL speist sich die Rendite von tobySOL aus vielfältigeren Quellen: Jitos Einnahmen hängen fast vollständig vom eigenen Bundle-Markt ab, während Toby den Orderstrom-Markt offen gestaltet und grundsätzlich jeden beliebigen RPC, Handelsroboter oder Market Maker integrieren kann. Theoretisch lassen sich so reichhaltigere Arbitrage-Möglichkeiten, NFT-Frontrunning-Szenarien sowie Swaps mit hoher Slippage abdecken. Im Vergleich zum Staking-Auction-Market (SAM) von Marinade verfolgt Toby eine umgekehrte Strategie: Validatoren müssen TOBY-Token sperren und die „No-Sandwich“-Klausel akzeptieren – andernfalls wird ihr Gewicht reduziert. Dadurch wird die Kostenstruktur für Fehlverhalten bereits auf Token-Ebene vorab festgelegt.
Wie lange hält der „High-Yield-Bonus“ von tobySOL?
Die Risiken liegen jedoch auf der Hand: Die Orderstromkanäle sind leicht austauschbar. Wechseln Wallets oder DApps zu einem RPC mit höheren Referral-Boni, sinkt das Volumen der OpenMEV-Bundles. Validatoren könnten parallel den Jito-Client betreiben und heimlich Sandwich-Profite generieren – wodurch die Integritätsanreize ausgehebelt würden. Auf regulatorischer Ebene hat das US-Finanzministerium bereits öffentliche Stellungnahmen zur „Herkunft der Erträge aus Staking-Derivaten“ eingefordert. Falls MEV-Ausschüttungen als Wertpapierrenditen eingestuft werden, könnte dies die reguläre Handelbarkeit von tobySOL beeinträchtigen. Zudem besteht zwischen der Skalierung von tobySOL und dem TOBY-Tokenpreis ein sogenannter „Flywheel-Effekt“: Größere Skalierung → höhere MEV-Ausschüttungen → steigende Nachfrage nach tobySOL → mehr Validatoren sperren TOBY → erhöhte Rückkauffonds → steigender Tokenpreis → Wertsteigerung der Kasse. Sobald die Skalierung stagniert oder die MEV-Einnahmen sinken, kehrt sich dieser Effekt um – und ein massiver Token-Verkaufsdruck würde unmittelbar auf die Protokollkasse einwirken.
Toby integriert MEV-Erlöse in die Dividendenausschüttung von Liquid Staking Tokens (LSTs) und erschließt damit eine neue Ertragsquelle für das Staking auf Solana. Seine langfristige Wettbewerbsfähigkeit wird jedoch davon abhängen, wie gut er den Order Flow kontrollieren kann und welche regulatorischen Rahmenbedingungen sich entwickeln. In den ersten beiden Quartalen nach dem Mainnet-Start werden entscheidende Kennzahlen wie das Staking-Volumen, die Lock-up-Rate der Validatoren und die Effizienz der Rückkaufmechanismen zeigen, ob der angestrebte „Flywheel-Effekt“ tatsächlich in Gang kommt.
Für Nutzer ist tobySOL ein Werkzeug, um passiv an den Erträgen aus der Blockproduktion teilzuhaben. Validatoren müssen dagegen TOBY-Token locken, um Zugang zum wertvollen Order Flow zu erhalten. Die Regulierungsfrage, ob MEV-Erträge als Wertpapiererträge klassifiziert werden, bleibt vorerst offen.
Ob Toby nach Jito eine zweite erfolgreiche MEV-Wertschöpfungskette aufbauen kann, hängt maßgeblich von zwei Faktoren ab: der Tiefe seines Order-Flow-Moats und der Stabilität seines Token-Modells. Zumindest macht das Projekt in der aktuellen Phase eines deutlich: MEV ist nicht länger nur ein Geschäft zwischen Validatoren und Searchers. Es hat das Potenzial, zu einer sekundengenau aktualisierten Zinszahlung auf dem Staking-Konto eines jeden durchschnittlichen Nutzers zu werden.
